Blog Übersicht

KI in der Musik

Jam Session

Ein Abendessen in Como

Den grössten Hunger hatte ich bereits gestillt, als mir die Musik auffiel, die aus einer kleiner weissen Box erklang. Es war ein moderner amerikanischer Folksong mit Elektrogitarre und einer sonoren männlichen Stimme, die sich an einen offensichtlich abwesenden Sohn richtete: «...though my hair's turning grey, the clock keeps stealing my strenght (...) God promised my heart (...) that some day you'll come back and run to me...». Den Text konnte ich nur teilweise verstehen, aber aus jeder Zeile sprach die melancholische Hoffnung auf ein Wiedersehen, vielleicht auch auf eine überfällige Aussöhnung mit einem verlorenen Sohn.  
 
Je länger der Song dauerte, desto mehr vermittelte er die Weite des mittleren Westens mit seinen endlosen Landschaften unter einem offenen Himmel. Ich dachte an ratternde Güterzüge, an Bob Dylan und an die Faszination, die von dieser Musik ausging und unsere Generation quasi weltumspannend prägte. Und ich erinnerte mich an meine eigenen Versuche, ein bestimmtes Bluessolo von Roy Buchanan auf der Elektrogitarre nachzuspielen, ohne jemals die Einsamkeit seiner Melodiebögen zu erreichen.

Wer ist das?

Das klingt doch wie Frank Bey und die Anthony Paule Band, dachte ich. Die mal an einer Blues-Night an den Jazztagen an der Lenk gespielt haben. Da war dieselbe perfekte Balance zwischen Gesang und kurzen Einwürfen der Elektogitarre, gut zusammengehalten von liegenden Bässen und einem präzis gespielten Schlagzeug. Straight forward, wie man so sagt, nichts überproduziert. Also zückte ich das Mobile und liess Shazam kurz mithören. Mikail Bennett stand da. Noch nie gehört. Wer ist das? 
 
Dieser ist mittlerweile dazu übergegangen, den Ehering seiner ehemaligen Frau zu besingen, den er stets bei sich trägt. Die Elektrogitarre jault jetzt noch etwas intensiver, so dass der Song allmählich ins Kitschige kippt. Zwei Klicks auf dem Mobile weiter lerne ich, dass es diesen Mikail Bennett gar nicht gibt, sondern dass es sich um KI-generierte Musik handelt. Zu meiner grossen Überraschung finde ich auf YouTube Videos eines alten Mannes mit weissem Bart, der offensichtlich live singt (und dabei auch noch weint) – aber diesen Bildern traute ich jetzt nicht mehr.  

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit

In Anlehnung an Walter Benjamins Essay von 1935 steigert KI-generierte Musik den Verlust der auratischen Einzigartigkeit eines Originals gewissermassen ins Absolute. Mehr noch: Sie bestätigt nachgerade die heilige Dreifaltigkeit der menschlichen Verwerflichkeit: Es wird gestohlen, gelogen und betrogen.  
 
Diese Musik gibt es nur, weil sie bei richtigen Musikern stiehlt. Sie stiehlt sowohl bei Bob Dylan, Roy Buchanan als auch bei Frank Bey und der Anthony Paule Band. Ohne deren Songs gäbe es diese Musik überhaupt nicht. Und dieser Avatar namens Mikail Bennett hätte auch nicht die Möglichkeit, uns offen zu belügen, indem er von Ereignissen berichtet, die niemals stattgefunden haben, von Personen berichtet, die frei erfunden sind und dabei Gefühle offenbart, die er selbst gar nicht empfinden kann. Und so betrügt uns diese Technologie auf eine nachgerade schamlose Weise, indem sie an unser eigenes Empfinden appelliert und Erinnerungen und Gefühle in uns weckt. So viel Verlogenheit, mit Verlaub, ist einfach nur zum Kotzen. 

Der Nutzen von KI

Damit jetzt keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein verkappter Romantiker. Ich lobe die menschliche Neugier, glaube an die Aufklärung und freue mich über die Segnungen des wissenschaftlichen Fortschritts, von der Gentechnik über leistungsfähigere Batterien bis hin zur satellitengestützten Datenübertragung. Die Produktivitätsgewinne von KI belaufen sich in ausgewählten Branchen auf über 2 %, wie die Neue Zürcher Zeitung unlängst ermittelt hat. Derweil niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob es sich bei KI um eine Erfindung oder doch eher um eine Entdeckung handelt, so bin ich zutiefst davon überzeugt, dass sie in der Musik nichts zu suchen hat. 

Musik ist Kommunikation

Dass Musik etwas «erzählt» – geschenkt. In jeder Musik steckt eine Botschaft, bei gregorianischen Chorälen ebenso wie beim Obertongesang oder balinesischer Gamelanmusik. Dabei ist es egal, ob die jeweilige Botschaft auch verstanden wird – wir spüren, dass es etwas gibt, das vermittelt werden soll.  
 
Das ist ein Teil des Auratischen, von dem Walter Benjamins Essay handelt, wenn auch nicht der entscheidende. Musik entsteht im Moment, und je unmittelbarer sie aus der Stille kommt, desto grösser ist ihre Wirkung auf uns. Wenn es gelingt, unsere Aufmerksamkeit auf den Augenblick zu fokussieren, dann erleben wir direkt, wie diese Aura entsteht. Wir hören dann nicht nur einfach zu, sondern können auch zwischen einzelnen Tönen und verschiedenen Instrumenten unterscheiden. Dieses Geflecht ist die eigentliche Kommunikation, mal als Zwiegespräch, mal als Stimmengewirr, mal als kollektives Rufen.   
 
Diese Kommunikation nennt man im Jazz Interplay. Wer jemals an einer Jam Session erlebt hat, wie improvisierende Musiker sich gegenseitig zuhören und spontan aufeinander reagieren, der versteht, dass Musik letztlich gemeinsam erlebte Zeit ist. Nichts Menschliches könnte wahrhaftiger sein. 
 
Wer Musik – und die damit verbundene Kreativität und handwerkliche Können – auf die Berechnung von statistischen Wahrscheinlichkeiten verkürzt, dem ist nicht zu helfen.

 

Foto Credit: ©Siegfried Rath